Zusammenhang
zwischen Frühgeburt und "Rechenschwäche" ? Es gibt
keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Frühgeburt und "Rechenschwäche".
Viele frühkindliche Defizite, die sich der Frühgeburt verdanken, können
medizinisch oder heiltherapeutisch behandelt werden. Andere Schädigungen
bleiben bestehen und führen zu Behinderungen oder chronischen Krankheiten.
Im Laufe der ersten Lebensjahre sind dies oft Voraussetzungen für kindliches
Lernen, die sich negativ auswirken können, aber nicht müssen. Es kommt
sehr darauf an, wie mit solchen Voraussetzungen umgegangen wird: Werden z.B.
Wahrnehmungsproblematiken erkannt, behandelt und berücksichtigt - oder
werden sie - bewußt oder unwissentlich - ignoriert? In letzterem Fall
können Defizite zu Hindernissen werden, die weitere Entwicklungen wie z.B.
das Erlernen bestimmter Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben oder Rechnen
erschweren können. Dies ist aber nicht zwangsläufig so (Thiel 2001).
Auch ohne therapeutische Interventionen haben viele Kinder - auch viele zu früh
geborene - keine besonderen Probleme beim Lernen. Die wichtigsten Personen bei
der Beobachtung und Erkennung von Lernproblemen sind außer den Eltern
und den Ärzten vor allen Dingen auch die PädagogInnen in Kindergarten
und Grundschule, weil speziell letztere auch die Lernprozesse beobachten, anleiten
und bei Problemen individuell unterstützen können sollten. Und nun
die schlechte Nachricht: Damit solche
"Risiken", die z.B. auch auf Frühgeburt beruhen können,
nicht zu Schädigungen in der Lernentwicklung und damit auch in der Persönlichkeitsentwicklung
führen, genügt es allerdings nicht, sich auf den Sachverstand der
KindergärtnerInnen und LehrerInnen zu verlassen, denn sie sind in der Regel
leider nicht dafür ausgebildet, diese "Risiken" im Einzelfall
zu erkennen und richtig zu reagieren. Meist wird bei Problemen nach der Einschulung
- evtl. schon im Kindergarten, wenn der pränumerische Bereich Anlaß
zur Besorgnis gibt - zu lange damit gewartet, genauer nachzuprüfen, ob
und welche Schwierigkeiten einzelne Kinder mit Mengen und Zahlen haben. Eine
individuelle Lernstandsanalyse (Förderdiagnostik) zum mathematischen Verständnis
könnte schnell und ohne zu großen Aufwand Klarheit schaffen. Die
Eltern sind in der Regel die ersten, die die Defizite ihrer Kinder im Umgang
mit Mengen und Zahlen - nicht zuletzt bei der Erledigung der Hausaufgaben -
bemerken. Wenn Eltern dann deswegen bei LehrerInnen nachfragen, was sie tun
können, erhalten sie leider oft genug die Empfehlung, abzuwarten und mehr
zu üben. Dieser Weg führt aber in der Regel überhaupt erst zur
Rechenschwäche - denn: Vermehrtes Üben und Auswendiglernen verfestigt
ja gerade mathematische Mißverständnisse und falsche Selbsteinschätzungen
des Kindes und steht deshalb im Gegensatz zu verstehendem Lernen. Nach
zwei bis drei Jahren Schule können solche Kinder also nicht mehr verstehen,
was man eigentlich von ihnen will. In vielen solcher Fälle haben die Kinder
brav alle Mühen des Übens und Auswendiglernens auf sich genommen und
trotzdem - zumeist aber auch gerade deswegen - keine Erfolge erzielen können.
Oder sie erzielten schulische Erfolge, die Eltern stellen aber zu ihrem Erschrecken
fest, daß diesen Erfolgen keinerlei mathematisches Verständnis zugrunde
liegt. Das dicke Ende kommt dann nochmals ein bis zwei Jahre später, wenn
auf der weiterführenden Schule keinerlei Grundlagen für abgeleitete
Zusammenhänge in Mathematik vorhanden sind, auf denen man aufbauen könnte.
Was die Kinder eigentlich verstanden haben und was nicht, weiß nach einigen
Jahren keine LehrerIn zu beschreiben und die Eltern wissen nicht mehr, was sie
jetzt tun sollen. (Autorenkollektiv 1998) Wie lernt
man Mathe: Man erfährt
in den Jahren der Kindheit, was Mengen sind und wie man sie herstellt (sortieren/vergleichen)
und daß Mengen auch die Eigenschaft der Mächtigkeit (Anzahl) besitzen.
Man lernt, mit dieser Eigenschaft umzugehen und einfachste praktische Begriffe
zu entwickeln: Eins-zu-eins-Zuordnung, Zählen, Zahlwörter, Anzahlvergleich,
Unterschied, Ziffern und ihre Bedeutung. In der Schule sollte dieser Vorgang
systematisiert und in geordnete Bahnen gelenkt werden, so daß - anknüpfend
an die Vorkenntnisse der Kinder - abstraktere Gedanken verstanden werden können:
Zahlaufbau, Zahlenwert, mathematische Zeichen/Syntax, Die vorläufige
Lösung, wenn die Schule es nicht schafft, das Problem zu lösen: Überprüfen
Sie immer auch selbst, was mit Ihrem Kind los ist. Achten Sie bereits früh
darauf, ob Ihr Kind bei Mengen, Zahlen, Zeit, Geld, Zählen, Würfeln,
Puzzeln, Kombinieren und Schlüsseziehen eine in sich logische zusammenhängende
mathematische Lernentwicklung aufweist. Sprechen Sie mit Ihrem Kind über
Mengen und Zahlen und diskutieren Sie über die vielen Alltagsprobleme,
in denen auch immer wieder quantitative Aspekte vorkommen. Im Zweifelsfall sollten
Sie Bücher lesen, die Ihnen Beurteilungskriterien an die Hand geben. Wenn
Sie sich Gewißheit verschaffen wollen, ob sichtbar werdende Probleme Ihres
Kindes auf grundlegend mangelhaftes Verständnis zurückzuführen
sind, lassen Sie baldmöglichst eine qualitative mathematische Förderdiagnostik
durchführen. Im Unterschied zu standardisierten Verfahren, wie z.B. IQ-Tests,
wird bei einer qualitativen mathematischen Förderdiagnostik das individuelle
Denken des Kindes inhaltlich offengelegt. Sorgen Sie selbst dafür, daß
Ihr Kind, wenn nötig, dann auch eine auf den förderdiagnostischen
Erkenntnissen aufbauende, adäquate Maßnahme erhält, sofern Fördermöglichkeiten
in der Schule nicht bestehen bzw. mangelhaft und schädlich sind. (Steeg
1999)
aus der
Mitgliederzeitschrift
"Das Frühgeborene Kind" e.V., November 2004
Zunächst die gute Nachricht:
Stellenwertsystem, Grundrechenarten und deren Grundbegriffe. (Schinköthe
2000)
Friedrich
H. Steeg, Dipl.Psych., Dr.rer.soz.
Rechenschwächetherapeut
am Rechenschwächeinstitut-Volxheim
Email: fred.steeg@rechenschwaecheinstitut-volxheim.de
Elterninitiative:
IFRK e.V. Initiative zur Förderung rechenschwacher Kinder (Baden-Württemberg, NRW, Sachsen-Anhalt, Brandenburg)
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