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Zusammenhang zwischen Frühgeburt und "Rechenschwäche" ?
aus der Mitgliederzeitschrift "Das Frühgeborene Kind" e.V., November 2004


Zunächst die gute Nachricht:

Es gibt keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Frühgeburt und "Rechenschwäche". Viele frühkindliche Defizite, die sich der Frühgeburt verdanken, können medizinisch oder heiltherapeutisch behandelt werden. Andere Schädigungen bleiben bestehen und führen zu Behinderungen oder chronischen Krankheiten. Im Laufe der ersten Lebensjahre sind dies oft Voraussetzungen für kindliches Lernen, die sich negativ auswirken können, aber nicht müssen. Es kommt sehr darauf an, wie mit solchen Voraussetzungen umgegangen wird: Werden z.B. Wahrnehmungsproblematiken erkannt, behandelt und berücksichtigt - oder werden sie - bewußt oder unwissentlich - ignoriert? In letzterem Fall können Defizite zu Hindernissen werden, die weitere Entwicklungen wie z.B. das Erlernen bestimmter Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben oder Rechnen erschweren können. Dies ist aber nicht zwangsläufig so (Thiel 2001). Auch ohne therapeutische Interventionen haben viele Kinder - auch viele zu früh geborene - keine besonderen Probleme beim Lernen. Die wichtigsten Personen bei der Beobachtung und Erkennung von Lernproblemen sind außer den Eltern und den Ärzten vor allen Dingen auch die PädagogInnen in Kindergarten und Grundschule, weil speziell letztere auch die Lernprozesse beobachten, anleiten und bei Problemen individuell unterstützen können sollten.

Und nun die schlechte Nachricht:

Damit solche "Risiken", die z.B. auch auf Frühgeburt beruhen können, nicht zu Schädigungen in der Lernentwicklung und damit auch in der Persönlichkeitsentwicklung führen, genügt es allerdings nicht, sich auf den Sachverstand der KindergärtnerInnen und LehrerInnen zu verlassen, denn sie sind in der Regel leider nicht dafür ausgebildet, diese "Risiken" im Einzelfall zu erkennen und richtig zu reagieren. Meist wird bei Problemen nach der Einschulung - evtl. schon im Kindergarten, wenn der pränumerische Bereich Anlaß zur Besorgnis gibt - zu lange damit gewartet, genauer nachzuprüfen, ob und welche Schwierigkeiten einzelne Kinder mit Mengen und Zahlen haben. Eine individuelle Lernstandsanalyse (Förderdiagnostik) zum mathematischen Verständnis könnte schnell und ohne zu großen Aufwand Klarheit schaffen. Die Eltern sind in der Regel die ersten, die die Defizite ihrer Kinder im Umgang mit Mengen und Zahlen - nicht zuletzt bei der Erledigung der Hausaufgaben - bemerken. Wenn Eltern dann deswegen bei LehrerInnen nachfragen, was sie tun können, erhalten sie leider oft genug die Empfehlung, abzuwarten und mehr zu üben. Dieser Weg führt aber in der Regel überhaupt erst zur Rechenschwäche - denn: Vermehrtes Üben und Auswendiglernen verfestigt ja gerade mathematische Mißverständnisse und falsche Selbsteinschätzungen des Kindes und steht deshalb im Gegensatz zu verstehendem Lernen. Nach zwei bis drei Jahren Schule können solche Kinder also nicht mehr verstehen, was man eigentlich von ihnen will. In vielen solcher Fälle haben die Kinder brav alle Mühen des Übens und Auswendiglernens auf sich genommen und trotzdem - zumeist aber auch gerade deswegen - keine Erfolge erzielen können. Oder sie erzielten schulische Erfolge, die Eltern stellen aber zu ihrem Erschrecken fest, daß diesen Erfolgen keinerlei mathematisches Verständnis zugrunde liegt. Das dicke Ende kommt dann nochmals ein bis zwei Jahre später, wenn auf der weiterführenden Schule keinerlei Grundlagen für abgeleitete Zusammenhänge in Mathematik vorhanden sind, auf denen man aufbauen könnte. Was die Kinder eigentlich verstanden haben und was nicht, weiß nach einigen Jahren keine LehrerIn zu beschreiben und die Eltern wissen nicht mehr, was sie jetzt tun sollen. (Autorenkollektiv 1998)

Wie lernt man Mathe:

Man erfährt in den Jahren der Kindheit, was Mengen sind und wie man sie herstellt (sortieren/vergleichen) und daß Mengen auch die Eigenschaft der Mächtigkeit (Anzahl) besitzen. Man lernt, mit dieser Eigenschaft umzugehen und einfachste praktische Begriffe zu entwickeln: Eins-zu-eins-Zuordnung, Zählen, Zahlwörter, Anzahlvergleich, Unterschied, Ziffern und ihre Bedeutung. In der Schule sollte dieser Vorgang systematisiert und in geordnete Bahnen gelenkt werden, so daß - anknüpfend an die Vorkenntnisse der Kinder - abstraktere Gedanken verstanden werden können: Zahlaufbau, Zahlenwert, mathematische Zeichen/Syntax,
Stellenwertsystem, Grundrechenarten und deren Grundbegriffe. (Schinköthe 2000)

Die vorläufige Lösung, wenn die Schule es nicht schafft, das Problem zu lösen:

Überprüfen Sie immer auch selbst, was mit Ihrem Kind los ist. Achten Sie bereits früh darauf, ob Ihr Kind bei Mengen, Zahlen, Zeit, Geld, Zählen, Würfeln, Puzzeln, Kombinieren und Schlüsseziehen eine in sich logische zusammenhängende mathematische Lernentwicklung aufweist. Sprechen Sie mit Ihrem Kind über Mengen und Zahlen und diskutieren Sie über die vielen Alltagsprobleme, in denen auch immer wieder quantitative Aspekte vorkommen. Im Zweifelsfall sollten Sie Bücher lesen, die Ihnen Beurteilungskriterien an die Hand geben. Wenn Sie sich Gewißheit verschaffen wollen, ob sichtbar werdende Probleme Ihres Kindes auf grundlegend mangelhaftes Verständnis zurückzuführen sind, lassen Sie baldmöglichst eine qualitative mathematische Förderdiagnostik durchführen. Im Unterschied zu standardisierten Verfahren, wie z.B. IQ-Tests, wird bei einer qualitativen mathematischen Förderdiagnostik das individuelle Denken des Kindes inhaltlich offengelegt. Sorgen Sie selbst dafür, daß Ihr Kind, wenn nötig, dann auch eine auf den förderdiagnostischen Erkenntnissen aufbauende, adäquate Maßnahme erhält, sofern Fördermöglichkeiten in der Schule nicht bestehen bzw. mangelhaft und schädlich sind. (Steeg 1999)

Friedrich H. Steeg, Dipl.Psych., Dr.rer.soz.
Rechenschwächetherapeut am Rechenschwächeinstitut-Volxheim
Email: fred.steeg@rechenschwaecheinstitut-volxheim.de


Elterninitiative:

IFRK e.V. Initiative zur Förderung rechenschwacher Kinder (Baden-Württemberg, NRW, Sachsen-Anhalt, Brandenburg)
Kontakt: Frau Schwarz - Tel.: 07153-27448 (Bundesverband) oder Frau Wahlen (NRW) - Tel.: 02405-14 139
weitere Kontaktadressen des IFRK e.V.: http://www.ifrk-nrw.de/kontakt.htm


Literatur:


Autorenkollektiv der Rechenschwächetherapeuten: Boerner, Boerner, Brettschneider, Spagl-Czerwinski, Steeg, Vogel
Rechenschwäche verstehen - Informationsschrift zum Phänomen Rechenschwäche / Dyskalkulie, Essen/Volxheim 1998
(Die Einstiegsinformation für Eltern und Lehrer, von erfahrenen Praktikern geschrieben)

Schinköthe, Horst (Hrsg.: Steeg u.a.)
Mengen und Längen. Lehrbuch der elementaren Grundlagen mathematischen Denkens und seiner Entwicklung für die Bereiche: Kindergarten, Vorschule, Grundschule, Sonderschule, Rechenschwächetherapie. RESI-Verlag, Volxheim 2000 (Libri/BoD), ISBN 3-8311-0701-7 (Dieses Lehrbuch beinhaltet wesentliches inhaltliches und methodisches Grundwissen für alle Berufe, die zu tun haben mit: mathematischer Frühförderung, mathematischen Denkvoraussetzungen für die Grundschule, mathematischen Grundlagen für Rechenschwächediagnostik und -therapie. Es ist verständlich und systematisch geschrieben. Selbst Laien finden einen mühelosen Einstieg in die Welt der mathematischen Grundgedanken und deren psycho-logischer Entwicklung - ohne dafür besondere Methoden und Rezepte erlernen zu müssen! Hier wird vorgeführt, wie Denken und Üben richtig zusammengehören.) Buchinfo vom Resi-Verlag

Steeg, Friedrich H.
Mein Kind ist vielleicht rechenschwach - was nun ? Elternratgeberartikel, erschienen im: KOGNOS-Handbuch: Erfolgreiche Elternarbeit in der Schule. Augsburg 1999, Kognosverlag (Gemäß dem Motto des Handbuchs Erfolgreiche Elternarbeit in der Schule des KOGNOS-Verlags in Augsburg stellt sich der Autor auf den Standpunkt, Eltern, die den Verdacht haben, ihr Kind sei "rechenschwach", so zu beraten, daß sie Schritt für Schritt das Problem ihres Kindes erkennen und einer Lösung zuführen können.)


Thiel, Oliver
Rechenschwäche und Basisfunktionen. Wissenschaftliche Analyse empirischer Untersuchungen zu Zusammenhängen zwischen Lernschwierigkeiten im Mathematikunterricht und basalen Fähigkeiten des Menschen, mit einem Vorwort von Friedrich H. Steeg. RESI-Verlag, Volxheim 2001 (Libri/BoD), ISBN 3-8311-2330-6 (eine kritische Studie zu einem umstrittenen Thema, auch für wissenschaftlich interessierte Eltern und Lehrer geeignet). Buchinfo vom Resi-Verlag.


Fallbericht:
Geschafft! Geschafft?- ein Erfahrungsbericht zur Teilleistungsstörung Dyskalkulie


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