Hier gehts zurück zur Startseite / Rechenschwächeinstitut-Volxheim GdbR, Kreuznacherstr.22-24, D-55546 Volxheim, Email

Geschafft! Geschafft? - ein Erfahrungsbericht zur Teilleistungsstörung Dyskalkulie
aus der
Mitgliederzeitschrift "Das Frühgeborene Kind" e.V., November 2004



"Spätestens zum Beginn der Schulzeit ist alles wieder ganz normal. Spätestens dann haben Frühgeborene in der Regel den Anschluss an die normale Entwicklung gefunden." Diese oder ähnliche Aussagen werden Frühcheneltern regelmäßig hören, wenn sie danach fragen, wie es denn später mal weiter gehen wird. Damit ist dann die Zukunftsproblematik vorläufig abgehakt. Es kann schließlich alles nur besser werden.

Das haben wir auch gedacht. Die Probleme der Anfangsphase unserer in der 30. SSW geborenen Zwillingsmädchen waren fast schon vergessen (oder besser gesagt verdrängt). Langzeitbeatmung, lebensbedohende Infektionen, Gehirnblutung, Reanimation etc. etc. etc. – die Liste ließe sich leicht fortsetzen – hielten uns damals in Atem und boten täglich neue Überraschungen. Dazu noch ein paar körperliche Probleme, die uns auf Dauer begleiten würden. Damit hatten wir uns arrangiert. Außerdem war die medizinische Versorgung stets auf absolutem Topniveau. So fühlten wir uns auch meistens gut aufgehoben und betreut.

Nun gut, die Mädchen wiesen Entwicklungsverzögerungen auf. Ganz normal bei Frühchen. Sie sind außerordentlich schüchtern, ja ängstlich insbesondere gegenüber neuen Situationen. Das würden wir schon in den Griff kriegen. Trennungsprobleme noch im Kindergarten? Haben andere Kinder auch. Mit anderen Kindern spielen? Lieber nicht. Zwillinge sind halt sehr aufeinander fixiert, auch wenn wir seit dem Kleinkindalter darauf geachtet haben, unsere beiden regelmäßig mit anderen Kindern zusammen zu bringen. Aber auch das kriegen wir schon hin.

Aller Anfang ist schwer

Schließlich rückt die Schulzeit näher. Die Einschulung steht bevor. Wären die Kinder "normal" geboren, nämlich nach dem 31. Juli, wären sie so genannte "Kann-Kinder". Die Schulpflicht hätte damit erst ein Jahr später eingesetzt. So sind sie aber im ersten Halbjahr zur Welt gekommen und deshalb auf einmal "Muss-Kinder". Nach dem Grund fragt da erst mal niemand. Pflicht ist Pflicht und die Schulpflicht eine ganz besondere. Uns beschleicht allerdings schon das Gefühl, dass es für unsere Kinder doch noch etwas zu früh ist und sie eigentlich noch nicht richtig schulreif sind. So entscheiden wir uns für einen Zurückstellungsantrag, um den Zwillingen noch ein Jahr Entwicklungszeit geben zu können. Dem Antrag wird unter dem Hinweis auf die Vorgeschichte auch problemlos stattgegeben.

Für ein weiteres Jahr Kindergarten sind die Kinder allerdings eigentlich zu alt. Und sie selbst wollen auch nicht länger dort bleiben, nachdem die Gleichaltrigen ja jetzt in der Schule sind. "Sitzenbleiben" im Kindergarten – gibt´s denn so was? Also entscheiden wir uns für den Besuch der Vorklasse in der Grundschule, die auf Grund der vorgeschriebenen Schulbezirksgrenzen in einem Ort in Hessen an der Grenze zu Rheinland-Pfalz für uns zuständig ist. Die Frage, ob sie für unsere Kinder auch die richtige Schule sein würde, hatte nicht zu interessieren und sollte auch erst später Bedeutung erlangen. Die professionelle Betreuung in der Vorklasse durch eine Sozialpädagogin, die auch noch das richtige Gespür im Umgang mit den Kindern hat und auf reichlich Erfahrung zurückgreifen kann, tut den Kindern gut. So werden sie im Grunde optimal auf den anschließenden Schulbesuch vorbereitet. Die Trennungsprobleme, die sind immer noch da. Schüchtern und ängstlich sind die beiden auch immer noch. Aber das würden wir ja in den Griff kriegen.

Im nächsten Jahr ist es dann soweit. Noch einmal Einschulung, diesmal aber in eine "richtige" erste Klasse. Was ist das für ein Gefühl so große Kinder zu haben, die es jetzt locker mit der großen weiten Welt aufnehmen würden! Die Schule beginnt mit allen positiven Erwartungen für die Zukunft, Kinder und Eltern sind motiviert, neugierig auf den neuen Lebensabschnitt. Jetzt sollte alles gut werden. Noch dazu haben wir das Glück, dass unsere Kinder zu einer Klassenlehrerin kommen, die ein "Händchen" für sie hat. Auch die Kinder schließen sie gleich ins Herz. Es ist fast schon so etwas wie "Liebe auf den ersten Blick".

Aber Schule ist eben kein Kindergarten mehr. Jetzt ist plötzlich nicht mehr Spielen angesagt, sondern Leistung wird verlangt. Zwar anfangs noch moderat, aber durchaus mit zunehmender Tendenz. Während andere das sozusagen mit Links erledigen, entwickeln unsere zunehmend Aversionen gegen die Schule. Ach ja – die Trennungsprobleme sind auch noch da und die Schüchternheit und Ängstlichkeit natürlich auch. Das wollten wir ja in den Griff kriegen. In Wirklichkeit schien es jetzt aber eher umgekehrt. Das Thema Schüchternheit und Ängstlichkeit bekam uns in den Griff. Sich im Unterricht beteiligen war schier unmöglich. Selbst melden, wenn man etwas weiß? Um Himmels Willen! Wird man von der Lehrerin angesprochen, verkriecht man sich in sich selbst und wenn auch das nichts hilft, am besten unter dem Tisch. Was sich für Außenstehende ein bisschen witzig anhören muss, nimmt aber für uns inzwischen durchaus dramatische Züge an. Irgendwie reagieren unsere Kinder nicht erwartungsgemäß auf die schulischen Anforderungen, entwickeln Aversionen insbesondere gegenüber Mathematik, sind zu langsam und unkonzentriert, erledigen auch in anderen Fächern nur unwillig ihre Hausaufgaben, bereits ausführlich erklärte Dinge müssen zum wiederholten Male erklärt werden, endlose Diskussionen, Verweigerung und Streitereien, Belohnungen und Strafen, Ratlosigkeit… Und das schon zu Beginn der Grundschule. Wie soll es denn später mal weiter gehen?

Überfordern wir unsere Kinder? Sind wir vielleicht selbst überfordert? Machen wir alles richtig? Macht die Schule alles richtig? Sind unsere Kinder etwa dumm und ein Fall für die Sonderschule?

Selbstverständlich stehen wir ständig in Kontakt mit der Schule, insbesondere mit der Klassenlehrerin. Wir kriegen das nämlich in den Griff. Wir brauchen nur etwas Zeit. Die aber gibt uns jetzt keiner mehr. Dazu kommt uns auch noch PISA in die Quere. Pflicht ist Pflicht und Leistung ist Leistung. Für Problemfälle ist kein Raum.

Lernprobleme nehmen zu

Das zweite Schuljahr hat begonnen. Es wird ernst. Man bittet um ein Gespräch. Insbesondere die Ängstlichkeit macht zunehmend Probleme in der Schule. In Mathe gibt es besondere Schwierigkeiten. Einfachste Aufgaben wollen nicht klappen. Oft ist vollständige Leistungsverweigerung die Folge. Von autistischen Zügen ist gar die Rede. Es muss etwas getan werden. Leicht gesagt – aber was? Und wer könnte uns helfen?

Dann fällt auch noch unsere verständnisvolle Klassenlehrerin aus gesundheitlichen Gründen aus und scheidet aus dem Schuldienst. Unsere Kinder fallen in ein Loch. Erst nach längerer Zeit der Vertretung mit ständig wechselnden Lehrern kommt Ersatz. Aber der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung ist leider nicht möglich.

Wir konsultieren schließlich einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie. Wartezeiten von mehr als einem halben Jahr für eine medizinische Beratung waren uns bisher fremd. Bei drängenden Problemen auch absolut inakzeptabel, sind sie dennoch traurige Realität.

Was jetzt folgt, sind zunächst einmal endlose Testverfahren. Die Ergebnisse sind in gewisser Weise zunächst ermutigend, denn unsere Kinder sind nicht dumm, wie wir befürchtet hatten. Sie haben eine normale, durchschnittliche Intelligenz. Das bestätigen ja auch ihre guten Leistungen in anderen Fächern wie Deutsch oder Sachkunde. Und wieso können sie dann nicht rechnen? Weil beide Kinder offenbar unter einer Teilleistungsstörung leiden, die auch als Rechenschwäche oder Dyskalkulie bezeichnet wird. Lese-/Rechtschreibschwäche bzw. Legasthenie, ja das war uns bekannt, aber Dyskalkulie – nein, davon hatten wir nie zuvor gehört. Werden wir das in den Griff kriegen?

Die Diagnose: Dyskalkulie

Dyskalkulie kann man durchaus in den Griff kriegen. Dazu benötigt man vor allem Zeit, Ausdauer und professionelle Hilfe in Form außerschulischer Fördermaßnahmen durch spezielle Lerntherapeuten. Außerdem ist es von Ausschlag gebender Bedeutung, dass die Schule betroffene Kinder unterstützt, fördert und von dem enormen Leistungsdruck entlastet, dem sie ansonsten nicht gewachsen sind. Die Kinder haben einen Anspruch auf Nachteilsausgleich. Die Schule muss allerdings begreifen, dass Dyskalkuliker (welch furchtbares Wort!) im Mathematikunterricht tatsächlich nicht können können, was andere selbstverständlich können. Soll heißen, Dyskalkulie ist in der Tat eine Art Behinderung, für die die Kinder keinerlei Schuld tragen, etwa, weil sie faul wären oder unmotiviert (die Lernstörung wurde bei unseren Kindern vom zuständigen Versorgungsamt als Behinderung im Sinne des Schwerbehindertenrechts anerkannt!). Erst wer das verstanden hat, kann einigermaßen nachvollziehen, weshalb 5 +1 für ein Dyskalkuliekind 51 ist und nicht 6. Ob tatsächlich daran jemand Schuld hat und wer, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Es scheint sich allerdings immer mehr herauszukristallisieren, dass Mädchen stärker betroffen sind als Jungs und die Frühgeburt dabei offenbar eine gewisse Rolle zu spielen scheint.

Mathegenies werden sie nie werden. Das müssen sie aber auch nicht. Aber Alltagsrechnen müssen sie beherrschen und zumindest soviel, dass sie in der Schule einigermaßen mithalten können. Doch bis dahin ist es ein langer und steiniger Weg!

Eltern müssen lernen

Wir haben gerade als Eltern nun viel zu lernen über das Problem unserer Kinder. Wir lernen, dass Dyskalkuliekinder wenig oder gar kein Verständnis für Mengen und Zahlen haben und Rechenabläufe mechanisch durchgeführt, aber nicht verstanden werden. Wir lernen auch, dass es bei Dyskalkulie übliche Verhaltensauffälligkeiten gibt, wie z. B. Angst vor der Schule, insbesondere natürlich vor dem Matheunterricht und den Klassenarbeiten. Ständige Misserfolgserlebnisse trotz erheblichem Lernaufwand und völliges Unverständnis für mathematische Aufgabenstellungen führen auch zu Abwehrreaktionen gegenüber häuslichen Hilfestellungen bis zu völliger Verweigerung ("Wir sind ja sowieso blöd!"). Über die Hausaufgaben haben wir gezwungenermaßen – die Kinder müssen in der Schule die geforderte Leistung bringen, obwohl sie es nicht können – den täglichen Kampf durchzustehen das nachzuholen, was in der Schule nicht verstanden wurde. Das ist für uns alle zermürbend und absolut frustrierend. Es ist wirklich kaum noch zu ertragen. Wir sind mit den Nerven am Ende.

Weitgehend unbestritten ist inzwischen, dass die Spirale aus Selbstzweifeln und Schuldgefühlen in Versagerkarrieren münden und zu neurotischen Fehlentwicklungen führen kann. Und erste Manifestierungen in Form von Entwicklungsstörungen mit hochgradiger sozialer Verunsicherung wurden im Rahmen der Testverfahren bei unseren Kindern bereits festgestellt. Wir bemühen uns also auch um entsprechende Therapieplätze bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Wenn da nicht wieder die langen Wartezeiten wären.

Finanzielle Unterstützung der außerschulischen Lerntherapie

Außerschulische Rechentherapie ist dringend notwendig. Die Kosten dafür sind beträchtlich, werden aber in entsprechenden Fällen für bestimmte Zeit vom Jugendamt übernommen. Also Antragstellung beim für den Wohnort zuständigen Jugendamt. Erneut sind Testungen erforderlich. Die Vortestungen stammen aus Rheinland-Pfalz und werden in Hessen nicht anerkannt. Wieder mehrwöchige Wartezeiten. Vor einer Kostenzusage darf die Therapie aber nicht beginnen. Gott erhalte uns die Bürokratie! Die Dyskalkulie wird erwartungsgemäß bestätigt. Die Kostenzusage folgt. Das scheint heute angesichts zunehmend knapper öffentlicher Kassen jedoch nicht mehr überall selbstverständlich. Oft werden berechtigte Ansprüche mit fadenscheinigen Argumenten abgewiesen.

Zwischenzeitlich machen wir uns bereits auf die Suche nach einem Lerntherapeuten. Wer macht so was? Wer kann so was? Wer ist für unsere Kinder auch persönlich geeignet? Wer nimmt gleich Zwillinge im Doppelpack? Wo sind die Wartezeiten am kürzesten? Wir finden ein geeignetes Institut am anderen Ende der Stadt.

Bildungspolitische Fallensteller

Von allen bis dahin zu Rate gezogenen Therapeuten wird übereinstimmend empfohlen, die Benotung im Fach Mathematik im Rahmen der innerschulischen Unterstützung auszusetzen und die Kinder außerdem durch andere "flankierende Maßnahmen", z.B. durch Erleichterungen bei den Hausaufgaben, weitgehend vom Schulstress in Mathe zu entlasten. Für die Notenaussetzung existieren für den Bereich der Legasthenie bereits besondere Vorschriften in den einzelnen Bundesländern, nicht jedoch für Dyskalkulie.

Wir setzen uns direkt mit dem Kultusministerium in Verbindung und freuen uns über die telefonische Auskunft, dass das alles kein Problem sei. Man müsse mit der Schule reden und einen so genannten Antrag auf Einzelfallregelung beim Staatlichen Schulamt stellen. Aha, so einfach ist das? Wir reden mit der Schule. Unser Ansinnen wird brüsk zurück gewiesen. Eine Notenaussetzung komme nicht in Frage. Dafür gäbe es keine rechtliche Grundlage. Die Kinder müssten schon den Anschluss behalten. Wo leben wir eigentlich, fragen wir uns. Die Schule kümmert sich nicht darum, dass die Kinder im Unterricht mitkommen. Ihr Auftrag nach dem Schulgesetz zur Förderung der individuellen sozialen, emotionalen und kognitiven Entwicklung und drohendem Leistungsversagen präventiv zu begegnen, scheint wohl nur auf dem Papier zu stehen. Vorhandene Vorschriften zur "Förderung von Kindern mit Lernschwierigkeiten und Lernstörungen in der Grundschule" werden schlichtweg ignoriert.

Dass von uns Eltern verlangt wird, im Unterricht nicht Verstandenes über die Hausaufgabenüberwachung zu Hause nahezu mit Gewalt in die Kinder hineinzubringen, empfinden wir inzwischen als scheinbar legalisierte und auf die Eltern delegierte Form der Kindesmisshandlung.

Dies machen wir in einem Schreiben an die Kultusministerin deutlich, die wir angesichts des offensichtlichen politischen Zielkonflikts um Hilfestellung bitten. Wir müssen erfahren, dass man sich auf der Ebene der Kultusministerkonferenz nicht auf eine bundesweit einheitliche Vorgehensweise habe einigen können, dass Hessen aber eine Vorreiterrolle für den Bereich der Dyskalkulie auf der Grundlage der vorhandenen Regelungen zur Legasthenie übernehmen wolle. Bis dahin sei eine Einzelfallregelung beim Schulamt zu beantragen. Gesagt getan. Ausgestattet mit dieser doch positiven Grundaussage werden wir umgehend beim Schulamt vorstellig. Das kriegen wir in den Griff.

Doppelgegner Schule und Schulamt

Offenbar will man davon beim Schulamt aber nichts wissen. Der zuständige Schulpsychologe hält von einer Notenaussetzung persönlich rein gar nichts. Die Kinder müssen lernen sich aus schlechten Noten nichts zu machen, so seine These. Inzwischen seien die Kinder ja in der dritten Klasse und bald stehe der Übergang zur weiterführenden Schule an. Und da gäbe es definitiv keinen "Notenschutz". Eine Einzelfallentscheidung sei bis jetzt noch nie getroffen worden. Ausnahmen seien auch nicht zulässig. Man müsse mit der Schule zusammen einen Förderplan erstellen. Unseren Antrag, den wir ja auf persönliches Anraten der Kultusministerin gestellt hatten, sollten wir also besser zurück nehmen. Das tun wir nicht. Stattdessen erheben wir gegen das Schulamt Dienstaufsichtsbeschwerde beim Kultusministerium als oberste Schulaufsichtsbehörde, um unserem Anliegen etwas mehr Nachdruck zu verleihen.

Von einem Förderplan wird zwar ständig geredet – passiert ist aber rein gar nichts. Wir fühlen uns, als würde uns die sprichwörtliche Wurst vor die Nase gehalten. Wenn wir danach schnappen, wird sie weg gezogen. Auf die Dienstaufsichtsbeschwerde erhalten wir noch nicht einmal eine Eingangsbestätigung. Nur einen kurzen Anruf der zuständigen Referentin, die zuvor mitgeteilt hatte, es sei alles kein Problem. Jetzt sagt sie nur einen Satz: "Das ist schwierig." Den sagt sie dafür aber gleich zweimal. Was soll man davon halten?

Das dritte Schuljahr neigt sich seinem Ende zu und nichts ist auf schulischer Ebene geschehen. Die Zeugnisse gehen gnadenlos auf die Kinder nieder. In Mathe haben sie zwar noch eine "Vier" geschafft, aber ausdrücklich wird ihnen bescheinigt, dass die mündlichen Leistungen "weiterhin ausreichend bis mangelhaft sind". Das schlägt auch auf alle anderen Noten durch, z. B. in einem Fach wie Deutsch, in dem sie stolz darauf waren schriftlich auf "Eins" bzw. "Zwei" zu stehen. Sie sind völlig am Boden zerstört. Nachdem eines der Mädchen feststellt, dass es wohl besser wäre, sie würde nicht mehr leben, sind wir völlig fassungslos. Noch am Tag der Zeugnisausgabe erheben wir bei Schule und Schulamt Widerspruch gegen die Zeugnisse und bitten um einen Gesprächstermin.

Das Kultusministerium lässt pünktlich zu Beginn des vierten Schuljahres medienwirksam verkünden, Dyskalkuliekindern in Hessen würden vom nächsten Schuljahr an keine Noten in Mathematik mehr erteilt. Für uns kommt das zu spät. Das Schulamt lässt sich auch von dieser klaren politischen Aussage in keiner Weise beeindrucken, sondern spielt weiter auf Zeit. Die Erlasslage sei uns hinreichend bekannt, heißt es.

Ende mit Schrecken ermöglicht Neubeginn

Die Schule versteht unseren Widerspruch wohl als nie da gewesenen Affront und nicht als legitimes rechtsstaatliches Instrument zur Überprüfung öffentlich-rechtlicher Entscheidungen. Zunächst erfolgt keine Reaktion. Schließlich wird auf Nachfragen unsererseits jedes Gespräch verweigert. Man wolle der Entscheidung einer "höherrangigen Instanz" nicht vorgreifen. Was den der Schule anvertrauten Kindern angetan wird und was in ihnen vorgeht, interessiert diese Schule nicht im Mindesten. Stattdessen wird uns aber von der Schulleitung allen Ernstes vorgeworfen, den Schulfrieden und die Gesundheit des Lehrerkollegiums negativ zu beeinflussen. Es ist blanker Hass, der uns da per Post entgegen schlägt.

"Wenn das Gespräch endet, endet die Menschlichkeit", so ein Zitat von Bert Brecht. Wie Recht er doch hatte. Wir können es jetzt nicht mehr länger verantworten unsere Kinder an dieser Schule zu lassen, zumal der Druck wächst und sie von den Lehrern inzwischen getriezt werden. Sie haben einfach nur noch Angst vor dieser Schule und gehen jeden Morgen nur unter Tränen aus dem Haus. Nach den Herbstferien wechseln sie an eine Grundschule in kirchlicher Trägerschaft in RheinlandPfalz. Den Wechsel so blitzschnell im laufenden Schuljahr zu bewerkstelligen, ist nicht einfach. Wir haben dabei aber viel Unterstützung aus dem Familien- und Bekanntenkreis erfahren. Dafür sind wir sehr dankbar, ebenso der neuen Schule für die schnelle Hilfe und für den Vertrauensvorschuss, den sie uns entgegen bringt. Und die Kinder freuen sich auf ihre neue Schule.

Was jetzt?

Schule ist mit der Förderung von Kindern mit Lernstörungen leider oft einfach überfordert oder erst gar nicht in der Lage, diese zu erkennen. Lehrer sind in dieser Beziehung häufig nur mangelhaft ausgebildet oder wissen nicht einmal, dass es Dyskalkulie gibt, geschweige denn, wie sie betroffenen Kindern helfen sollen. Sie haben oft keine Zeit oder kein Interesse, sich mit zusätzlichen Problemen auseinanderzusetzen. Die Realität straft nicht nur nach unserer Erfahrung alle theoretischen Vorgaben in Schulgesetzen, Erlassen oder Verordnungen Lügen. Wir erwarten mittlerweile nicht mehr, dass eine optimale schulische Förderung unserer Kinder gewährleistet wird, sondern hoffen nur noch auf verständnisvolle Lehrer, die ihnen das Gefühl geben können: ihr seid nicht dumm, sondern habt nur ein Problem, das wir akzeptieren. Wir helfen euch mit diesem Problem umzugehen und euren Weg zu machen. Die Kinder müssen wieder Spaß am Lernen gewinnen und ihre Angst vor der Schule verlieren. Vielleicht hat unsere Geschichte irgendwann ja doch ein Happy-End.

Fazit

Warum erzählen wir das alles? Weil andere vielleicht von unseren Erfahrungen profitieren können. Seien Sie wachsam und verlassen Sie sich nicht darauf, dass sich Frühchenprobleme spätestens zu Beginn der Schulzeit erledigt haben. Prüfen Sie genau, ob die Schule für Ihr Kind die geeignete ist. Mögliche Lernprobleme zeichnen sich häufig bereits im Kindergarten ab. Hören Sie auf entsprechende Signale. Wenn Sie Lernprobleme bei Ihrem Kind feststellen, verlassen Sie sich nicht ausschließlich auf die Schule, sondern nehmen Sie lieber frühzeitig auch professionelle außerschulische Hilfe in Anspruch. Wenn sich Alternativen eröffnen, schieben Sie einen Schulwechsel nicht auf die lange Bank. Bei Therapeuten gibt es oft lange Wartezeiten und die Zeit spielt gegen Sie bzw. Ihr Kind. Je früher Sie die Initiative ergreifen, umso besser ist die Erfolgsaussicht. Und lassen Sie sich nicht entmutigen. Kämpfen Sie für Ihr Kind, damit es nicht der politischen Unbeweglichkeit und Schwerfälligkeit der Schulbürokratie zum Opfer fällt. Es lohnt sich.


Verfasser:
Hans-Jürgen und Jutta Wirthl
Mitglied in Frühstart e. V., Mainz, www.fruehstart-mainz.de



Internetadressen zum Thema Dyskalkulie, die uns weiter geholfen haben:

www.bvl-dyskalkulie.de

Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie mit Links zu den Landesverbänden

www.rechenschwaecheinstitut-volxheim.de

Internetauftritt der Rechenschwächeinstitut-Volxheim GdbR, Diagnose, Beratung, Therapie und Fortbildung für Rechenschwäche/Dyskalkulie und Resi-Verlag GdbR, Fachverlag zu Rechenschwäche, Mathematik, Schule, Lernen, Kreuznacherstr.22-24, 55546 Volxheim, Inhaber: Friedrich H. Steeg, Dipl. Psych., Dr. rer. soz. / Jacqueline Vogel, Dipl. Päd. / Jutta Brettschneider, Dipl. Päd.

http://www.jh-lorenz.de/index.html
Prof. Dr. Jens Holger Lorenz - ehemals:Institut für Mathematik und Informatik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg,

www.lernfoerderung.de
Informationen und Tipps bei Lernproblemen, Dipl.-Päd. Uta Reimann-Höhn, Wiesbaden

http://www.ifrk-ev.de

Initiative zur Förderung rechenschwacher Kinder

Neuer Artikel mit dem Titel Zusammenhang zwischen Frühgeburt und „Rechenschwäche“ ? von Friedrich H. Steeg
Erstveröffentlichung in der Mitgliederzeitschrift "Das Frühgeborene Kind" e.V., November 2004


Weitere Fallberichte auf anderen Homepages: hier
Schicken Sie uns Ihren Vorschlag für einen interessanten Fallbericht als Textdatei oder als Web-Link!


Hier gehts zurück zum Seitenanfang oder zurück zur Startseite Impressum/Haftungsausschluß